"Wenn die Situation irre wird, werden die Irren zu Profis!"

(Hunter S. Thompson)

Brief an die Firma Freenet TV zur DVB T2 Umstellung. Darf kopiert und verschickt werden an: FREENET TV Beschwerdeabteilung,
Erna Scheffler Str 1, 501103 Köln.

 

Sehr geehrte Mitarbeiter der Firma Freenet TV,

gestern, am 07.02.2017 habe ich mich bei Ihrer Hotline darüber informiert, welche Folgekosten bei der Umstellung auf das neue DVB T2 auf mich zukommen. Dort musste ich erfahren, dass ich für jeden Fernseher in meinem Haushalt eine HD Karte kaufen muss, wenn ich weiterhin auf allen Fernsehgeräten in meinem Haushalt die Privatsender empfangen möchte. Dies ist eine bodenlose Frechheit, ich bin entsetzt von Ihrer dreisten Gier! Nicht nur, dass die Privatsender eh über Werbung finanziert werden und  der erzwungene Erwerb der HD- Karte ärgert mich. Ich lege als Endverbraucher keinen Wert auf HD.
Am meisten ärgert mich die dreiste Mentalität die dahinter steht. Niemand hat uns Endverbraucher gefragt, ob wir diese Umstellung der DVB T- Frequenz wünschen. An den Lizenzgeldern hat die Bundesregierung dick verdient, der Einzelhandel verdient am Verkauf der neuen DVB T2 Empfänger und jetzt zwingt man uns auch noch, die HD- Karte zu kaufen, wenn wir weiterhin über das terrestrische Fernsehen die Privatsender empfangen wollen. Die Mitarbeiterin Ihrer Hotline wollte mir keine Namen der Verantwortlichen Firmenbosse bei Freenet nennen, da ich mich über diese Sauerei gerne persönlich bei den Freenet- Funktionären beschweren möchte. Erst ein über wütende Anrufer sichtlich genervter Pförtner von Mediabroadcast hat mir dann Ihre Adresse gegeben, sodass ich mich jetzt per Brief bei Ihnen offiziell beschwere. Und Sie hiermit dringend bitte mir Namen und Rufnummern der Verantwortlichen Instanzen zu nennen, damit ich mich persönlich bedanken kann!

Bitte wundern Sie sich nicht, wenn auch durch Handlungsweisen wie der Ihrigen Firma, das Klima in diesem vom Kapitalismus verseuchten Lande immer schlechter wird und seien Sie sich dessen bewusst, dass Sie Verantwortung tragen!

Der freundliche Mediabroadcast Mitarbeiter hat mir auch empfohlen, Ihnen meine Zeit in diversen Hotlines, den Aufwand dieses Beschwerdebriefes und diverse Folgekosten in Rechnung zu stellen.
Daher überweisen Sie bitte innerhalb von 14 Tagen 20€ auf mein Konto bei...

 

Schließen möchte ich diesen Brief mit Schiller:

 

„Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben.
Bewahret sie. Sie sinkt mit Euch.
Mit Euch wird sie sich heben!“

 

Mit freundlichen Grüßen...

 

 

 

 

 

Neues Element entdeckt: Das Regierium!

 

Neueste Forschungen haben nun zur Entdeckung des schwersten Elementes des Universums geführt.

Das neue Element, Regierium (RG),  hat ein Neuron, 25 assistenten- Neuronen, 88 Stellvertreter- Neuronen, 198 Assistenten- Stellvertreter- Neuronen, die ihm eine atomare Masse von 312 verleihen.

 

Diese 312 Patikel werden von den sog. "Moronen- Kräften" zusammengehalten, welche wiederum zusammengehalten werden von einer ausgedehnten Menge von Polizionen.

 

Da das Regierium keine Elektronen besitzt, ist es größtenteils inaktiv, es kann jedoch daran erkannt werden, dass es jede Aktion, mit der es in Kontakt kommt, verzögert und/ oder behindert.

Die Menge einer Minute des Regieriums kann eine Reaktion, die unter normalen Umständen nur weniger als eine Sekunde dauert, dazu bringen, eine Reaktionszeit von 4 Tagen bis zu 4 Jahren zu benötigen.

 

Regierium hat eine normale Halbwertzeit von 2 bis 6 Jahren, zerfällt nicht, aber unterläuft stattdessen einer Reorganisationsphase, in welcher ein Teil der Assistenten- und Stellvertreter- Neuronen ihre Plätze tauschen.

 

Interessanter Weise nimmt die Masse des Regieriums im Laufe der Zeit eher zu, da jede Reorganisation mehr Moronen dazu bringt, Neuronen zu werden und somit Isodove zu formen.

Dieses Charakteristikum der Moronen- Verbreitung führt einige Wissenschaftler zu dem Glauben, dass Regierium immer entsteht, wenn die Moronen eine kritische Masse erreichen.

Diese hypotetische  Quantität führt dann zu einem kritischen Morast.

 

Wenn Regierium mit Geld in Verbindung gebracht wird, dann wird es zu Administratium.

Administratium ist ein Element, dass genauso viel Energie wie Regierium abstrahlt (+-0),

obwohl es nur halb so wenige Polizionen, dafür aber die doppelte Anzahl von Moronen besitzt.

 

Es ist interessant, dass Regierium keinerlei Spuren von Protonen in seinem Kern enthält- dies würde allerdings den Mangel an jeglicher Anziehung auf andere Elemente und somit auch die Abneigung zur letztendlichen Durchführung von Aktionen jedweder Natur erklären.

 

Letztendlich ist es für Elemente des Regieriums fast unmöglich, nebeneinander zu coexistieren...

 

Adolf lebt

 

Du magst mir glauben oder nicht

Doch ich sah ihn heute morgen in der Zeitung

Hämisch grinst mir Hitler in's Gesicht

 

Sein Gesicht ist wie ein Puzzle

Fein zerteilt und gut verteilt

Über die ganze Welt

 

Ich sah ihn heute beim Bäcker

Als die Leute über die Ausländer Schlampe schimpften

Die mit ihren Rotzgöhren den Verkehr an der Kasse aufhielt

Ich sah ihn gestern im Fernsehen, er stritt um die Kanzler Kandidatur

Ich sah ihn bei Volkswagen, hoch im Vorstand

Ich sehe ihn immer- rund um die Uhr

 

Manchmal bringt er mir morgens die Post

Und rät mir mit dem Wachturm in der Hand

Zum wahren Glauben überzutreten

 

Dann schüttel ich nur den Kopf und lache

Und auch er lacht

 

Er lacht und johlt wenn die Zwillingstürme in Rauch aufgehen

Er lacht und johlt wenn Ursula den Befehl zum Angriff gibt

Er lacht und johlt wenn Palästinenser explodieren

Und Juden zum Vergeltungsschlag ausholen

Er lacht und johlt wenn die Linken mit Steinen auf Polizisten werfen

Er lacht und johlt über jeden freien Kopf

Der auf dem Pflaster zerschellt

 

 

 

 

 

Borsigplatz  Rückwärts

Eine urbane Legende aus Dortmund

Copyright by F. Thadeusz

 

We're sick and tired of this game of technology

Humbly asking Jesus for his mercy

We know and we know and understand

Almighty Jah is a living man

 

You fool some people sometimes

But you can't fool all the people all the time

And now we see the light

We gonna stand up for our rights

COME ON!

 

Peter Toshs warmer Reggae Sound floss aus den Boxen. Die 2 Meter hohe Cannabispflanze in Michas Wohnzimmer war geschmückt mit Lametta aus Weingummi, Christbaumkugeln, einer bunten, ständig blinkenden LED- Lichterkette und stand in voller Blüte. Micha testete die neue Bong, die er von seinen 3 Freunden zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte mit einer Probe seines hauseigenen Grases. Es blubberte. Matze, Andy und Kalle saßen neben ihm, bequem in den Polstern der Wohnzimmercouch versunken und chillten. Dazu ging eine Tüte durch die Runde und es wurde über Songtexte philosophiert. „Peter Tosh wollte mit der Textzeile „almighty Jah is a living man“ zum Ausdruck bringen, dass der Mensch Gott als übergeordnetes Konzept überhaupt nicht braucht, weil er selbst Gott ist. Deswegen meint er eben, die Leute aus dem Establishment, Kirche, Staat und so weiter, können über einen gewissen Zeitraum eine bestimmte Anzahl von Leuten innerhalb der Gesellschaft mit ihren Ideologien blenden, aber über die Jahre wird irgendwann so ein Prozess der Erleuchtung stattfinden, sodass man sie nicht länger verarschen kann. Versteht ihr was ich meine?“ Matze vergaß während seinen Ausführungen mal wieder ganz das Rauchen und der Joint qualmte ungenutzt zwischen seinen Fingern. Andy grinste breit mit geröteten Augen: „Wo wir grade bei Songtexten sind- ich sach nur: Don`t bogart that Joint, my Friend, pass it over to me! Fraternity of Man, aus dem Film Easy Rider, 1969. To bogart bezieht sich auf die Angewohnheit Humphrey Bogarts in seinen Filmen, seine Zigaretten ungeraucht abbrennen zu lassen. Also bitte…sieh ma zu, dass du den Pattex von deinen Fingern bekommst und lass die Sportzigarette rüberwachsen, mir juckt schon die Lunge!“ Matze gab die Tüte bereitwillig weiter, nachdem er einen tiefen Zug genommen  hatte. Micha setzte die Wasserpfeife ab, hielt den Atem an bis er nicht mehr konnte und blies darauf eine Nebelwand mitten ins Zimmer. Er hustete kaum merklich und versank danach in Zeitlupe in den Polstern des Sessels. Seine 3 Freunde grinsten breit. „Gleich kommt das kleine Männchen von hinten mit dem Hammer und haut dir voll auf das Gehirn, Alter. Die Blubber is echt der Hammer! Ham wir dir extra heute Früh noch bei Near Dark besorgt.“ Kalle war stolz auf seine Idee, zusammen mit seinen Kumpels dafür zu sorgen, dass ihr Freund Micha die neue Ernte unter bestmöglichen Bedingungen testen konnte. Near Dark war ein sogenannter Headshop, ein Laden in dem man Kiffer Equipment kaufen konnte, eine der besten Adressen in Dortmund überhaupt. Die Wasserpfeife die sie ihm gekauft hatten war eine „Eisbong“, bei einer Eisbong konnte man in das Mundstück bis zu 10 Eiswürfel einfüllen, sodass der Rauch angenehm kühl eingeatmet werden konnte.  So etwas konnten sich nur Kiffer ausdenken. Sie hatten an diesem Abend schon eine ganze Menge an Rauchgeräten durchgetestet. Hatten eine Paprika, einen Apfel und sogar eine Banane zur Pfeife umfunktioniert. Der erste Fresskick war mit Weihnachtsschokolade und Weingummi hartnäckig bekämpft worden und jetzt machte sich Langeweile breit. Normalerweise wurde man ja „breit“ oder „stoned“ vom Kiffen, aber das frische Gras  trug dazu bei, dass sie alle völlig high waren. Voller Tatendrang überlegten sie, wie sie die Langeweile bekämpfen könnten…

„Ich hab die Idee!“ Micha hatte den ersten Flash seiner neuen Blubber verarbeitet und war aus dem Sessel aufgesprungen. „Habt ihr schon mal ein Auto geraucht?“  Keine 20 Minuten später saßen die 4 in Michas rotem Scirocco  und steuerten den Klinikparkplatz der Unfallklinik an. Sie parkten den Wagen dort in einer dunklen Ecke am Rand des Fredenpaumparks und versicherten sich, dass niemand in der Nähe war. Da Weihnachtsabend war befanden sich kaum Autos auf den Straßen und auch Spaziergänger suchte man vergebens. Sie stopften sie Bong und jeder von ihnen rauchte einen dicken Kopf bis das Schillum glühte. Dichter Rauch erfüllte den Innenraum des Sciroccos. Dazu lief  „You spin me round“ von Dead or Alive aus den 80ern. „Der Song ist echt der Hammer“, darin waren sie sich einig. „Wisst ihr was“, Matze hatte knallrote Augen und war total bekifft. „Ich hätte Bock zu dem Song mal die ganze Zeit nur im Kreis zu fahren. 3 Minuten 20 nur im Kreis, wisst ihr. Das wäre doch total cool.“ „Kein Thema“, Micha ließ die Scheiben automatisch runter und drehte die Lüftung auf voll. Aus dem Wagen stiegt eine dichte Nebelwand gen Himmel und vereinigte sich hoch oben mit den Wolken am nächtlichen Firmament. Der Wagen bog auf die Schützenstrasse  und glitt auf der leeren Fahrbahn dahin. An der nächsten  großen Kreuzung bogen sie links auf die Mallinkrodtstrasse, dazu gab es Bohemian Rapsodie von Queen.

Is this the real life?

Is this just fantasy?

Caught in a landslide

No Escape from reality

Carry on as if nothing really matters

 

Der Nordmarkt glitt an ihnen vorbei. Die 4 Bombenleger öffneten langsam ihre langen Haare und bereiteten sich auf den schönsten Teil des Songs vor, wie im Film Waynes World.

 

Galileo, Galileo, Galileo Figaro

Bismillah! No we will not let you go

Mama Mia, Mama Mia, Mama Mia let me go

Beelzelbub has a Devil put aside for me, for me, for meee…..

 

An dieser Stelle flogen die Haare durch das Auto, die 4 moschten um die Wette wie Beavis and Butthead in ihren besten Tagen, dazu  hielt jeder von ihnen eine zur Pommes Gabel geformte Hand in die Höhe. Was für eine Fahrt!

 

Nothing really matters,

Anyone can see

Nothing really matters

To me!

 

Pünktlich zum Ende des Songs hatten sie den Borsigplatz erreicht und schickten sich an ihre Mission zu erfüllen. Kein Auto weit und breit, 3 Minuten 20 zu „You spin me round“ von „Dead or Alive“ im größten Kreisverkehr Dortmunds im Kreis fahren. Immer im Kreis.

Sowas konnten sich nur Kiffer ausdenken.

Sie grölten in vollen Kehlen mit „You spin me right round, Baby right round, like a record Baby right round round round…

Als der Song nach guten 3 ein halb Minuten zu Ende war bekamen sie alle zusammen einen schallenden Lachanfall. So was geiles… Micha drehte noch 2 Ehrenrunden, dann stoppte er den Wagen mitten auf dem Platz.

 

„Und wisst ihr was das geilste is?“ „NEE, Nö, Keine Ahnung“ antwortete es von den anderen Plätzen.

„Die nächste Runde geht RÜCKwääärts!!!“

Micha legte den Rückwärtsgang ein und sie fuhren jetzt johlend rückwärts weiter. Kalle trommelte ekstatisch vor Lachen auf das Handschuhfach. Die 4 drehten total durch und genossen ihre verrückte Aktion in vollen Zügen. Bis es laut rumste.

„Achduscheisse, Achduscheisse“. Ein Adrenalinschock fuhr ihnen durch die Adern. Sie waren rückwärts einem anderen Auto mitten vorne drauf gefahren. Das würde mächtigen Ärger geben.

Von weitem sahen sie schon Blaulicht. Anwohner hatten wahrscheinlich die Polizei gerufen.

Wie in Zeitlupe glitt das Blaulicht über die Hausfassaden die den Borsigplatz umstanden.

Sie blieben wie angewurzelt im Auto sitzen, bleich um die Nasen, starr vor Schreck.

Die Häuser wirkten plötzlich wie ein großer Wall, der sie umgab wie Gefängnismauern.

Der Polizeiwagen hielt rechts neben ihnen, auf Höhe der Mitte beider Unfallwagen. Im Rückspiegel erkannte Micha dass die Polizeibeamten erst den Fahrer des blauen BMW 1602 befragten. 5 Minuten später, die den 4en vorkamen wie eine Ewigkeit, bewegten sie sich langsam auf den knallroten Kifferscikokko zu. Die Kiffer im Inneren hatten sich in den letzten 5 Minuten in zitternde Nervenbündel verwandelt. „Wir versuchen cool zu bleiben… gaanz cool!“ Micha ließ die Scheibe an der Fahrerseite runter und hielt Fahrzeugpapiere und Führerschein aus dem Auto. Der Polizist ergriff die Papiere und beugte sich herunter, wahrscheinlich um Michas Atem riechen zu können.

 

„Sieht echt nicht gut aus, das ist ja wirklich eine schöne Bescherung!“

Micha schaute beschämt nach unten, er fühlte seinen Herzschlag pochend bis in den kleinen Zeh hinunter.

„Tja, was will man machen, Scheiße passiert halt, ne?“

„Okay, Herr Schmitt, haben sie Alkohol getrunken?“

Der Beamte schaute ihm streng in die Augen.

„Nein“

„Betäubungsmittel konsumiert?“

Mist…gleich hatten sie ihn am Arsch.

„Nein“, log er frech.

„Okay, wollen sie Anzeige erstatten?“

„Anzeige erstatten?“ Wiederholte er erstaunt, denn er kapierte gar nix mehr.

„JA- ob sie Anzeige wegen mutwilliger Sachbeschädigung stellen wollen, schließlich ist ihnen der Typ ungebremst hinten rein gefahren…“

„Echt… äh---ja äh, nee. Das muss nicht sein… das ist nicht nötig.“ Micha warf Matze auf dem Beifahrersitz einen verstohlenen Blick zu. Auch Matze glaubte sich im falschen Film.

 

„Okay…“ Der Polizist nahm die Mütze ab und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.

„Wir sind Marder- Ede schon seit der Innenstadt auf den Fersen. Den blauen BMW hat er auf der Hansastrasse geklaut und dort auch schon mehrere abgestellte Fahrzeuge gerammt. Wir haben ihn grad blasen, äh pusten lassen, da hatte er 2,4 Promille. Rotzbesoffen und versucht uns einzureden, sie wären ihm rückwärts vorne drauf gefahren, so eine idiotische Ausrede habe ich in 20 Jahren Polizeiarbeit noch nie gehört. Ich nehme dann mal eben ihre Personaldaten ins Protokoll auf und dann bekommen sie ne Durchschrift und können weiterfahren.“ Auf dem Rücksitz fing es langsam deutlich an zu kichern. Andy und Kalle waren kurz davor, vor Lachen zu explodieren. Michael blickte angestrengt und mit fest aufeinander gekniffenen Lippen in den hinteren Teil des Wagens.

„Beruhigt euch, Leute, gaanz ruhig… tickt jetzt nicht aus, ja?“

 

 

 

Der Polizist erschien wenige Minuten, die sich scheinbar bis zur Ewigkeit ausdehnten, erneut und reichte Micha den Papierkram zurück in den Wagen.

 

„Na denn noch ne gute Heimfahrt und nen frohes Fest.“

 

Hinter sich erblickten sie, wie ein zweiter Polizist den aufgebrachten und bereits mit Handschellen gefesselten Marder- Ede auf die zerknautschte Motorhaube des blauen BMWs drückte und ihm mit dem Fuß die Beine auseinander stemmte.

Ede brüllte aus volltrunkener Kehle: „Ich schwör`s bei meiner Mutter…diese Typen sind mir rückwärts voll vorne drauf geknallt… ey … mach mich los, du scheiß Bulle… ich bin unschuldig, ich bin unschuldig!!!“

„Gib Gas Micha… schnell weg hier….“

Der Scirokkomotor heulte auf und sie machten schleunigst, dass sie fort kamen.

Brüllend vor Lachen steuerte Micha den Wagen zurück in Richtung Mallinkrodtstrasse.

Das Autoradio wurde eingeschaltet.

Dann grölten sie alle aus vollen Kehlen mit,

„Judas Priest“, 1980:

 

Breaking the law, breaking the law

Breaking the law, breaking the law

Breaking the law, breaking the law

Breaking the law, breaking the law

 

 

Morbus Hallelujah

Copyright by F. Thadeusz

 

“Last christmas i gave you my heart but the very next day you gave it away…”

Wham eierte aus meinem Radiowecker. Verschlafen drehte ich mich um und wickelte mir ein Kissen um Kopf und Ohren. Abstellen oder den Wecker mit einem gezielten Wurf an die Wand in abertausende winzige Plastikteilchen zu zerlegen kam nicht in Frage- Meine Frau liebte diesen Song und den Wecker!  Es war Mitte November und der Horror meines Lebens war zurück: Weihnachen!

 

Ja ich weiß: es mutet irgendwie unromantisch und gefühlskalt an, wenn jemand sich dazu entscheidet mit Weihnachten Tabula rasa zu machen, das Fest aus seinem Bewusstsein ein für alle mal zu tilgen bzw. die Mythen und Legenden die dieses Fest umranken, wie grau angelaufenes Lametta einfach vom Baum zu reißen und im Mülleimer der Zeit verschwinden zu lassen. Meine Beweggründe basierten aber nicht einfach auf einem faulen Nihilismus  oder einer konsumfeindlichen Misanthropie; der Grund warum ich das Weihnachtsfest einfach nicht so hinnehmen konnten, wie man es mir im Mainstream vorsetzte bestand einfach darin, dass es zu viele Unstimmigkeiten gab die die Plattitüde der Hirtengeschichte umgaben, mit denen ich mich nicht abfinden wollte und so begab ich mich vor 15 Jahren auf eine Mission, eine sehr persönliche Mission, die darin bestand den blanken Knochen des Festes der Liebe von seinem verdorrten Fleisch zu befreien damit mein Geist endlich frei sein konnte.

 

Als erstes verbannte ich die Baumleiche aus meinem Leben. Haben sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie viele Bäume sie in ihrer Weihnachtskarriere schon auf dem Kerbholz haben? Jedes Jahr werden Millionen junger Bäume im Teenageralter, die die Blüte ihres Lebens noch nicht erreicht haben abgehackt und entwurzelt, aus ihrer Heimat dem Wald in ihre Wohnungen deportiert. Und das Schlimme ist: niemand denkt darüber nach. Ich hörte sogar schon von Vegetariern, die nicht davor zurückschrecken sich an diesem Morden zu beteiligen. Dabei müssen doch grade die Vegetarier wissen, dass sogar Artischocken Herzen besitzen!

 

Wie dem auch sei: seitdem hat mein Weihnachtsbaum Wurzeln und ich hole ihn jedes Jahr aus dem Garten in die Wohnung, gut verpackt in einen Terrakottatopf.

Der Baumbrauch ist schließlich heidnischen Ursprungs und selbst als bekennender Atheist kann ich mich mit diesem Brauch durchaus identifizieren- wurden doch in diesen längst vergangenen Tagen keine Geschenke unter den Baum gelegt, sondern das Fest der Liebe von Männern und Frauen festlich praktiziert, Knick-Knack, wenn sie verstehen was ich meine…

 

Wo wir grad bei heidnischen Bräuchen sind:

Wo denken sie eigentlich kommt der Weihnachtsmann her? Denken sie vielleicht: das ist halt so ein ganz souveräner Kerl- sicheres Auftreten, immer gut gekleidet, gepflegt, der weiß wie man mit Kindern umgeht und hat zudem einen festen Job. Noch so ein Trugschluss.

Der Archetypische Ursprung des Weihnachtsmannes geht zurück auf die sibirischen Schamanen, die sich im Fliegenpilzrausch einbilden, sie säßen auf  einem von unzähligen Rentieren über den Himmel gezogenen Schlitten. Was meinen Sie was die auf ihren Reisen für Farben sehen? Der Weihnachtsmann ist nichts anderes als nen durchgeknallter Hippie mit Rauschebart. Rot-Weiß sind die Farben des Fliegenpilzes, der in nordischen Ländern von Menschen und Rentieren als wirkungsvolles Halluzinogen geschätzt wird. Und so einem überlassen manche Menschen ihre Kinder? HO HO  Peace Peace… ich bringe euch Frieden…

Eingefleischte Hardliner der Anti- Weihnachts- Bewegung sehen in dem Brauch Schokoweihnachtsmänner an Kinder zu verschenken sogar einen manipulativen Vorstoß der Verschwörung der Kannibalen, die schon Kleinkinder an den Verzehr von Menschenfleisch gewöhnen wollen.

Und dann die Sache mit diesem Jesus- wann wurde der denn jetzt wirklich geboren?

Am 24.12. wie hier in unseren Gefilden oder am 7. 1. wie in Russland, oder am 1.1. wie in Griechenland? Also mich verwirrten diese unterschiedlichen Geburtsdaten dermaßen, dass ich mich dazu entschloss nunmehr am 24.12.jeden Jahres den Sieg des Sonnenlichtes über die Finsternis zu feiern.

Kennern ist es durchaus bekannt, dass jedes Jahr am 21.12. die so genannte Wintersonnenwende stattfindet. Von diesem Zeitpunkt im Jahr an, werden die Tage wieder länger und am 24.12. lässt sich dieser Effekt endlich wieder zum ersten Mal wirklich wahrnehmen- das Licht ist zurück auf der Erde! Das ist ein Grund zum Feiern, oder?

Ich bin zudem fest davon überzeugt: käme  dem Papst oder einem CDU- Politiker ein barfüssiger Mensch mit Rauschebart entgegen und faselte  Dinge wie „Lasst ab von Gold und Macht und lasst eure Herzen mit Liebe erfüllen“

Beide zückten augenblicklich ihre Mobiltelefone und riefen den Krankenwagen.

 

Nun, aufgrund dieser streng strukturierten didaktischen Überlegungen gelang es mir schon nach einem Jahr mein Weihnachtsfest so umzugestalten, dass es für mich erträglicher war.

Aber schon bald wuchs in mir ein neues, furchtbares Problembewusstsein heran und ich musste einsehen, wie machtlos ich kleines Menschenkind doch war, gegen die grausamste und unbarmherzige Waffe der Weihnachtslobbyisten: Die Weihnachtslieder!

Uns allen, oder den meisten von uns wurden sie bereits mit der Muttermilch eingetrichtert, in die Schaltkreise unserer Gehirne eingebrannt. Man beschallte und konditionierte uns schon bevor wir im Stande waren uns auf unsere eigenen Füße zu stellen und die Flucht zu ergreifen mit „Jingle Bells Jingle Bells gnadenbringende Weihnachtszeit lasst uns froho uhund munter sein es ist ein Ros entsprungen“

Und diese feindliche Übernahme freiheitlich denkender Kindergehirne setzte den Grundstein für eines meiner größten Weihnachtsprobleme: die Weihnachtsohrwürmer

2 Jahre lang probierte ich den sich verselbstständigen Musikkatastrophen aus dem Weg zu gehen indem ich bei jedem Einkauf Gehörschützer die man gegen Kettensägenlärm benutzt, trug. Als Tarnung bemalte ich sie mit Weihnachtsbäumen. Leider ist es nur in den wenigsten Discountern möglich sich an der Kasse mit Gebärdensprache zu verständigen und kaum hatte ich den Gehörschutz nur für den Bruchteil einer Sekunde abgesetzt, um mich mit der Kassiererin zu verständigen, ereilte mich der Ohrwurm aus den Lautsprechern des Aldi- Marktes „Santa Claus is coming to town.“

5 endlose Jahre versuchte ich es mit Poweryoga und konzentrierte mich besonders darauf meine Atmung perfekt zu kontrollieren um im Schneidersitz meine Herzfrequenz so weit herunterzusetzen, dass mein Gehirn aufgrund akutem Energiemangel nicht mehr in der Lage war Ohrwürmer zu produzieren. Theoretisch. Praktisch half dies aber auch nicht, denn gegen „Eine Muh eine Mäh eine Täterettäätäää ratta Tschingderassabumm eine wau wau wau“ ist einfach kein wirksames Kraut gewachsen.

3 Jahre fand ich mich resigniert damit ab, dass es gegen die  Weihnachtsohrwürmer einfach kein wirksames Gift auf dieser Welt gab, bis ich eines Tages nach einem Discobesuch mit meiner Frau am 24.12. geschlagene 23 Stunden „Last Christmas I gave you my heart“ in meinem inneren Ohr vernehmen musste und sich Bruchteile dieser Musikmatsche noch bis Silvester fragmentarisch in meinem Hirn herumtrieben.

Seit diesem Tag bin ich nun regelmäßig in Behandlung bei einem renommierten Psychologen der bei mir das Krankheitsbild „Morbus hallelujah“ diagnostizierte. Da selbst hochdosiertes Valium und Stunden freudscher Gesprächstherapie bei mir bislang keine Wirkung zeigten, riet er mir bei jedem Morbus hallelujah- Anfall einfach ein eigenes Lied zu singen um den primitiven Weihnachtsohrwurm zu überlagern. Und so singe ich jetzt seit Jahren schon, immer wenn die ersten Schokoweihnachtsmänner im Spätsommer in den Regalen erscheinen:

Standort

 

Wo befindest du dich, wenn du dort bist, wo du nicht mehr weißt. wo du bist?

Wenn all deine Gedanken nicht mehr erfassen können was passiert?

Voller Freude strahlend, mit Tränen in den Augen, weil der Schmerz trotz allem Glück niemals stirbt, wie die Freude selbst.

So ist diese Welt heute kalt und die Meere vereisen beim Anblick des unendlichen Schmerzes, der doch selbst nur eine Erfindung unserer Sinne ist.

Welch Befriedigung erkannt zu haben, was wirklich passiert. Auf das Rad gebunden, fast wie an ein Kreuz. Allein mit der Gewissheit, dass es sich weiter dreht und die Dinge ihren Lauf nehmen. Sehen kannst du und wissen, aber was kannst du tun, außer zu warten? Was kannst du tun, außer die Worte in die Welt zu brüllen in der Hoffnung dass irgendjemand sie versteht?

 

Du weißt wo du bist, solange du nicht danach fragst. Es ist absurd, aber so ist es nun mal.

Abgefunden mit den Tatsachen wartest du wieder mal auf den Morgentau. Seit Jahrtausenden nichts Neues, gelangweilt aber hoffnungsvoll wartest du einen weiteren Tag. Verliere dabei nicht deinen Mut, denn dein Wunder ist bereits unterwegs zu dir. Halt dich fest und verliere dich nicht. Es wird passieren, Mut, nur noch ein paar Tage...

Dann stehst du oben auf dem Gipfel deines Berges und blickst hinunter aufs Tal und der Wind bläst dir um die Ohren und säuselt sein Lied und du breitest die Arme aus und du fühlst den Moment, den Moment. Du siehst die Welt und fühlst ihre Bewegung unter deinen Füßen. Fühlst wie sie durchs All fliegt, mit dir als Begleiter, und du weißt dass sie ein Teil von dir ist und dass du ein Teil von ihr bist.

 

Und dann ist es still und selbst die Explosionen auf der Oberfläche der Sonne sind verstummt, wenn die Ewigkeit ihre Schwingen ausbreitet und mit dir davon fliegt.

Und Vertrauen, ja Vertrauen breitet sich aus, wenn du erkennst was es ist und woher es kommt. Aber nur für einen kurzen Augenblick durchflammt sein Antlitz deinen Geist und du fühlst, fühlst so unendlich tief hinab und hinauf und hindurch und bist einfach nur Existenz, pure Existenz die weilt in voller Bewegung, bewegungslos in dir und um dich herum und überall. In deinen Lungen, deinen Augen, auf deiner Zunge, unter deinen Füßen und in deinem Kopf.

 

Und dann kommt der Abstieg und deine Knie schmerzen unter der Last deiner Schultern und du stolperst über Steine, aber du gehst weiter hinab, zielstrebig, doch unwissend, obwohl du dein Ziel bereits kennst. Über kalte Gletscher, ausgerutscht auf glitschigem Moos, gestützt auf einen Stab und mit faltigem Antlitz, verzerrt und zerklüftet vom harten Gestein der Felsen, klein wie eine Mücke und mit gebeugtem Rücken? Wer weiß?

Der Weg entsteht, während du gehst unter deinen Füßen. Die Zeit verdichtet sich und formt unter deinen Füßen einen Pfad dem du folgst, tagein tagaus. Ein Korken auf den Wellen der See, klein wie die Erde im Weltraum.

 

Was? Willst du dir anmaßen die Größe zu verkennen, die in einem Apfelkern steckt?

Es ist jeder Tag ein neuer Morgen, frisch wie der Tau und voller sagenumwobener Erlebnisse die unter dem Fingernagel des Universums auf dich warten.

Alles ist möglich, außer dem, das bereits ist.

 

Und so zog die Erde einen weiteren Kreis um die Sonne...

 

 

 

Ludwig und der Waldmann

 

Copyright by F. Thadeusz

 

 

„ Das ist unser Haus, ihr kriegt uns hier nicht raus!“ Stand in dicken roten Lettern an der Fassade der alten Großwäscherei.  Nachdem der Betrieb wegen der Wirtschaftskrise Insolvenz angemeldet hatte und Bankrott gegangen war, hatte das geräumige, 3 stöckige Backsteinhaus 2 Jahre leer gestanden, bis die Punks es besetzten. Jetzt war es zum Mittelpunkt der Protestbewegung gegen das Establishment geworden und glich somit einem Nest für Paradiesvögel jeglicher Couleur.  Die konservative Landesregierung sprach von drogensüchtigen Chaoten aus dem schwarzen Block mit latenter Gewaltbereitschaft, aber wer die Punks auch nur ansatzweise kannte, wusste, dass so gut wie keine Gefahr von ihnen ausging.

Die Party war in vollem Gange. Die ganze bunte underground- Kulturszene der Stadt hatte sich in den kargen, großen Lagerräumen des Gebäudes versammelt und man gab richtig Gas. Zentraler Punkt war wie immer die Überraschungsbowle- es handelte sich dabei um ein großes, ausrangiertes Fass Wäschestärke von ca. 100 Litern Fassungsvermögen in das jeder Partygast wahllos sein Mitbringsel an Alkoholika und anderer Rauschmittel entleeren durfte. So war gewährleistet, dass der Abend ganz bestimmt nicht langweilig werden würde. Man konnte nie wissen, was einen erwartete. Man sprach in Insiderkreisen auch von „Zauberbowle“.

Momentan erhitzten sich die Partygemüter an dem Streitpunkt Vegan- Vegetarismus, Pro und Contra und die Vegetarische Front beschuldigte die Fraktion der Freien Fleischesser, sie hätten doch eh verlernt ihre Beute selber zu erlegen und würden doch glatt verhungern, wenn es keine Supermärkte geben würde, in denen man Produkte von toten Tieren kaufen könnte. Die Fleischleute ließen das nicht auf sich sitzen und ließen sich auf eine Wette ein. Würden die Fleischesser verlieren, müssten sie freiwillig einen Monat ausschließlich Rohkost zu sich nehmen. Verlören die Vegetarier, wäre es an ihnen die Eingeweide und sämtliche Reste der erjagten Beute zu entsorgen. Also machte sich eine Delegation ausgesuchter Jäger auf den Weg zu den Weiden.

Günni kannte sich mit Schafen aus. In einer Metzgerfamilie aufgewachsen, in der das Heimschlachten noch etwas total Normales war, wusste er wie man so was macht. Ein Schaf schlachten.  Zelke, ein pummeliger Punk mit zerschlissener Lederjacke , Doc Martens, hautenger Leopardenfellimitathose und spitzem Gel- Iro auf dem Kopf, sowie Herbert the Berg, so nannten ihn alle, weil er, ausgezeichnet mit einem ruhigen und entspannten Gemüt, sehr stark war, bei einem  Meter 98 Größe und 120 Kilo Kampfgewicht, machten sich bereit für die Jagd. Der Plan war klar. Schaf fangen, ins Zentrum bringen, töten, ausnehmen, häuten und ab auf den Grill damit. Zur Verstärkung nahmen sie noch eine neues Gesicht unter den Partymitgliedern mit. Der Typ nannte sich Ludwig.

Ludwig war an diesem Abend eigentlich nur in das Zentrum gekommen, um sich dort einmal umzuschauen. Er war Parteimitglied der Liberalen, überzeugter Fleischesser und die Punk-  und /oder Ökobewegung ließ ihn kalt. Sein Parteimentor  Dr. Steiner hatte ihm vorgeschlagen, sich doch einmal unter das Punk Volk zu mischen, quasi als Informant. Also hatte er den gelben Pullunder und die gebügelte Bundfaltenhose gegen eine zerschlissene Jeans und ein schluderiges buntes Sweatshirt ausgetauscht und sich unter die Anarchisten begeben. Es gefiel ihm dort durchaus. Die Menschen im Zentrum waren irgendwie inspirierend. Er mochte die Punkmädchen, mit ihrem schwarzen Liedstrich, dem dunkelgrünen Lippenstift und den Löchern in der Kleidung an den entscheidenden Körperstellen.

Und dumm schienen die auch alle nicht zu sein. Ihm war zwar nicht klar, was daran Mord oder moralisch verwerflich sein sollte, ein Tier zu töten und zu essen aber er konnte es auch akzeptieren, wenn jemand anderer Meinung war. Mit dem bereits 2. Glas Zauberbowle in der Hand lauschte er interessiert den Gesprächen um sich herum und fühlte sich leicht. Total leicht und unbekümmert. Gerne ließ er sich darauf ein, die Punks bei ihren kriminellen Machenschaften zu beobachten.

Die Schafe lagen unter der alten Eiche ihrer Weide. Günni, Zelke und Herbert the Berg pirschten sich langsam an und hätten auch sicherlich auf Anhieb eines der Tiere erwischt, wenn da nicht Ludwig gewesen wäre. Er schien entrückt. Während sie gebückt geschlichen waren, hüpfte Ludwig mit großen Sprüngen hinter einem Glühwürmchen her und schrie dabei immer wieder:  „Huiiiii…. Flummiiii….. Huiiii….Boing…. Boing….ich bin eini Flummiiiiii“

Die gesamte Herde, ca. 50 Tiere, erwachte schlagartig und flüchtete unter lautem Geblöke. Noch bevor es den 3 Jägern möglich war, Ludwig zur Raison zu bringen, war dieser schon im Unterholz des nahe gelegenen Waldes verschwunden und hinterließ bei ihnen ein riesiges Fragezeichen.

Sie  rannten hinter den Schafen her, ca. 10 Minuten. Die Schafe waren schneller. Sie verschnauften 15 Minuten, tranken erst mal eine Flasche Bier, dann versuchten sie es mit einer Treibjagd. Auch das erfolglos. Die Viecher waren schnell.  Günni schlug vor ein Schaf mit einer Bierflasche k.o. zu hauen, bzw. die Flasche nach dem Tier zu werfen. Aber die Schafe waren schneller und wichen ihren Geschossen aus. Resigniert setzten sie sich unweit der Weide auf einen Baumstamm. Jetzt wurde auch klar, warum Herbert the Berg  immer so entspannt war. Er hatte einen dicken Brocken schwarzen Afghanen aus der Tasche geholt, bestimmt so groß wie ein Hühnerei, und fing an damit einen Joint zu bauen. Die 3 rauchten erst mal. Danach saßen sie völlig stoned auf dem Baumstamm. Keine Ahnung wie lange.  Herbert erzählte, er habe immer Afghanen dabei. Das Zeug würde ihn immer so entspannen und er habe immer mindestens nen halbes Kilo davon zu Hause. Der Opiumanteil darin sei immer optimal für nen guten Turn. Der Afghane steht für den typischen dunklen Turn, der geistig nicht allzu stimulierend wirkt, dafür aber stark auf den Körper schlägt und auch schneller müde macht. Manchmal bekam man sogar Afghanen, der mit Hammel oder Ziegenfett eingerieben wurde, um ihn länger haltbar zu machen. Ob man dafür wohl  auch Schaffett nehmen könnte? Zelke knetete das Afghanische Ei  mit den Händen und hatte plötzlich eine Idee.

„Was haltet ihr davon, wenn wir ein Schaf damit betäuben? Herbert the Berg… du hast doch zu Hause  noch genug von dem Zeug. Komm, wir nehmen den Brocken hier und verfüttern ihn an ein Schaf. Das pennt danach doch bestimmt ein und wir nehmen es dann mit.“                          

Günni war sofort Feuer und Flamme, Herbert überlegte. Und überlegte. Er überlegte noch einmal  und noch einmal und dann sagte er „OK!“

Zelke pirschte sich langsam an die Schafherde. Die Tiere waren inzwischen müde von der Treibjagd und lagen wieder unter der Eiche. Zelke lockte sie mit etwas Löwenzahn und schließlich konnte er einen jungen Schafsbock dazu überreden, ein kleines Kügelchen vom schwarzen Haschklumpen zu fressen. Offenbar schmeckte es ihm. Stück für Stück fraß das Tier den ganzen Klumpen. 10 Gramm.

Erst passierte nichts. Dann fing der Bock nach 10 Minuten an im Kreis  zu laufen. Darauf folgten Bocksprünge wie in Zeitlupe, begleitet von lautem Blöken. Der Bock drehte sich mit der Geschwindigkeit eines Rentners auf Valium um die eigene Achse und wollte sich anscheinend in den Schwanz beißen.  Nach 20 Minuten spreizte er plötzlich alle vier Beine von sich und blieb auf dem Bauch liegen. Er blökte noch genau  4 mal lang und durchdringend, dann schlief er ein. Perfekt- der Grillabend war gerettet!

Kurzerhand band man die Beine des Tieres mit einem Seil zusammen, schob eine stabilen Eichenstab unter den verknoteten Beinpaaren hindurch und transportierte das narkotisierte Tier  in alter Kannibalen Manier  mit den Stockenden auf den Schultern, einmal quer durch die Stadt zurück zur Party im Zentrum. Günni fixierte das Tier mit den Hinterläufen nach unten hängend  an einem Haken der neben der Eingangstür im Hinterhof aus der Fassade ragte. Zelke besorgte sich einen von den zahlreichen leeren blauen Waschmittelkanistern, die überall noch in der alten Fabrikhalle herumstanden, schnitt den oberen Teil ab und stellte den so entstandenen Eimer unter den herab baumelnden Kopf des Beutetieres. Mit einem beherzten Schnitt öffnete er die Halsschlagadern des Bockes und der rote Saft floss in den Eimer. Das arme Schaf merkte wahrscheinlich überhaupt nichts davon, jedenfalls schien die Narkose sicher zu sitzen.

Als die Schächtung vollzogen und das Tier blutleer war, öffnete er die Bauchdecke, nahm fachgerecht alle Innereien heraus und zog daraufhin auch noch das Fell ab.

Günni kratzte sich am Kopf. Der Schafskörper war bereit zum Braten, doch der Grill war zu klein. Zur Verfügung standen der klassische 3-Bein Baumarktgrill, ein der Länge nach aufgeschnittenes Bierfässchen und ein Elektrogrill auf den grade mal 10 Würstchen passten. Zum Glück hatte Zelke eine Welt Idee:  Alle 3 Grille wurden nebeneinander gestellt, der Elektrogrill eingeschaltet, die 2 übrigen mit Kohlen befeuert, so entstand eine heiße Grillreihe, auf die man das tote Schaf legen wollte. Diese Variante entpuppte sich allerdings als recht unpraktisch, denn zwischen den Grilllücken wollte das Fleisch einfach nicht gar werden. Auch fing eines der Hörner des Schafsbockes Feuer, der Kopf lag nämlich auf der heißen Heizröhre des E-Grills, und das stank gewaltig.                                                                                                                Herbert the Berg besorgte also eine Säge und amputierte dem Bock den Kopf. Er hielt den Schafskopf noch in der linken Hand am Horn, als er sich die Rechte am heißen Metallgeschirr des E-Grills verbrannte. Vor Wut fluchend warf er das Tierhaupt in hohem Bogen ziellos von sich. „So eine verdammte Scheiße!“ Irgendwie unzufrieden standen die 3 um den Grill und dachten nach. Zwischen den Grills blieb das Fleisch noch immer halbgar.

„Hahahaha… Feueeerrr…. Hihihi!“  hörten sie es plötzlich hinter sich. Sie drehten sich um, da stand ein Partygast  mit breitem Grinsen und starrte sie mit großen Augen an.  „Leute!“, er klopfte ihnen nacheinander auf den Rücken. „Ihr braucht viel mehr Feuer, ich sag es euch… mehr Feuer!“

„Gute Idee, gute Idee.“ Herbert the Berg erinnerte sich daran, dass im obersten Stockwerk der Wäscherei noch eine ganze Menge hölzerner Kleiderbügel lagen. 20 Minuten später loderte in der Betonhalle des obersten Geschosses ein prächtiges aus Kleiderbügeln entfachtes Feuer. Mitten darin stand ein metallener Kleiderbügelhalter  und auf der Querstange des Halters steckte ein Grillschaf, ohne Kopf,  und röstete genüsslich vor sich hin.

Flummi- Ludwig hüpfte derweil auf dem Waldweg. Der Mond schien am sternklaren Nachthimmel auf das Blätterwerk, sodass die Schatten der im Wind wippenden Blätter auf dem Waldboden flimmerten. „Ein schönes Gefühl ein Flummi zu sein“, dachte er. Die frische Luft tat ihm gut und die Strahlen des Mondlichtes brachen sich bunt an den Blatträndern. So friedlich war der Wald. Er legte sich auf den Boden und rollte etwas hin und her. Hin und her. Hin und her. Vor den knöchernen Wurzeln einer alten Weide stoppte er, vor seiner Nase raschelte es. Das Fokussieren seiner Augen fiel ihm etwas schwer und so sah er nur verschwommen eine Bewegung im Wurzelgewirr. Urplötzlich sprang ein kleines Männchen in sein Sichtfeld. Gekleidet in einen roten Fellanzug, Hasenzähnchen im Mund, eine spitze rote Fellmütze auf dem Kopf. „Pfff Pffff Pffff“, fauchte es direkt vor seiner Nase. „Ich bin der Waldmann, folge mir… ich zeig dir was! Ich zeig dir was!“ Er hatte den Waldmann entdeckt… robbte hinterher. Der Waldmann hatte einen buschigen, roten Schwanz und sprang vor ihm her durch das Unterholz. Auf allen Vieren ging es über Stock und Stein. Ludwig wühlte sich durch das Moos um mit dem Waldmann Schritt zu halten. Der war aber schnell…

Während Ludwig den Waldmann jagte, saßen die Punks der Freien Fleischesser Front um das verglimmende Grillfeuer und aßen Schaf. Jemand hatte von der nahegelegenen 24h- Tankstelle mehrere Gläser Senf besorgt, damit hatte man den Schafskörper deftig eingeschmiert, sodass er nun über eine zünftige Senfkruste verfügte. Allen schmeckte es einfach super und zumindest 3 Fleischesser hatten den Vegetariern bewiesen, dass sie genug Eier hatten um sich ihr Fleisch selber zu erjagen. Man stieß an mit Frankfurter Pils und ließ es sich schmecken. Nun war es an den Vegetariern, ihren Wetteinsatz einzulösen.

Ludwig krabbelte munter weiter hinter dem Waldmann her. Auf einer Lichtung stoppten sie und der Waldmann buddelte im lockeren Waldboden. Er fand eine Nuss. Ludwig buddelte auch und fand eine Löwenzahnwurzel. Die Schmeckte gut. Er kaute und kaute. „Die Natur gibt uns wirklich alles“, dachte er so bei sich. Der Waldmann blickte sich noch einmal zu ihm um, winkte ein letztes Mal und verschwand im Unterholz. Ludwig legte sich auf den Rücken und blickte in die flimmernden Sterne. Die Sommernacht war lau und er schloss die Augen und schlummerte ein. Im Traum sah er noch den kleinen Waldmann, wie er von Ast zu Ast hüpfte. Ludwig winkte ihm nach. Der Waldmann hatte noch ein paar letzte Worte für ihn: „Sei frei… Nimm dir dein Leben- es gehört dir.“

Um 5 Uhr morgens kitzelte ihn die Sonne in der Nase. Sein Kopf fühlte sich irgendwie schwammig an. Warum war er im Wald? Schemenhaft erinnerte er sich an die letzte Nacht. Die Party bei den Punks. Es dauerte mehrere Stunden bis er wieder vor der Wäscherei stand. Die Tür war verriegelt, also kletterte er an der efeubewachsenen Regenrinne hinauf auf das Vordach um durch die Oberlichter in das Gebäude zu gelangen. Leider waren alle Fenster verschlossen. Drinnen sah er die Punks und sie schliefen ihren Rausch aus. Er bückte sich und hob einen Fußball auf, der auf dem Dach lag. Seine Uhr piepste. Es war schon 9. Ihm fiel ein, dass er in 10 Minuten in der Parteizentrale neben dem Rathaus sein sollte, also beeilte er sich.

Wenig später stand er mit dem Fußball unter dem Arm im Büro seines Mentors. Dieser blickte aus dem Fenster und beobachtete das Malheur  auf dem Rathausplatz. Irgendwelche Irren hatten die steinernen Adler die die Treppen zum Rathaus säumten mit Blut beschmiert. Vor ihren Füssen ein Gemisch aus Fell, höchstwahrscheinlich das eines Schafes, abgenagten Knochen und Innereien. Mit Blut geschrieben prangten riesengroße Buchstaben auf dem Platz. Ludwig las:

„Der Staat hält den Bürger als sein Schaf. Keine Macht für Niemand!“

Dr. Steiner blickte sich um und sah ihn sprachlos an. Nach einer Weile besann er sich. „Wie sehen sie denn aus, Ludwig, und was haben sie da unter dem Arm um Himmelswillen?“ Ludwig blickte an sich herab. Seine Kleidung war verschmiert mit Dreck. Aus seinen Taschen ragten Grashalme. Die Schuhe waren mit Lehm verklumpt.

„Ich…ich trete aus der Partei aus“, sagte er verwirrt und hielt ihn hoch, den Schafskopf.

 

 

Die Weihnachthölle öffnet ihre Pforten

(Inspiriert durch Zahnarztpraxis Dr. Günnewig)

Copyright by F. Thadeusz

 

Es ist der 13.12. und ich muss zum Zahnarzt. Ich bin extra eine Stunde früher losgefahren, um noch einen Parkplatz im Parkhaus an der Hansastraße in der Nähe des Opernhauses zu bekommen. „Das passt schon“, hatte ich meiner Frau noch zugerufen, bevor ich die Wagentüre zuschlug. Jetzt stehe ich hier mit dem Auto in Dortmund in der Hansastraße, in einer Riesen- Schlange, die bereits bis zurück zum Südwall reicht. Ich bleib total cool, ich hab ja noch Zeit. Ich muss nur die Hansastraße runter bis zur Kampstraße, mein Zahnarzt residiert in der Corsopassage. Sollte ja eigentlich kein Problem sein einen Parkplatz zu finden. Nach 5 Minuten im Stau, zwischen rußenden Auspuffen und Menschen, die chaotisch zwischen den wartenden Autos wahllos und scheinbar ziellos die Straßenseiten wechseln, erkenne ich die Realität: Wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was“, sondern bei „So isses“. Ich beschließe einen U-Turn durchzuführen und den Wagen auf dem Parkplatz der Pizzeria Mama Mia im Kreuzviertel zu parken. Pino, der sizilianische Pizzabäcker, wird damit sicherlich kein Problem haben. Ich versuche mit meinem Auto vorsichtig aus der Schlange auszuscheren und an den sich für`s Parkhaus stauenden Wagen vorbeizufahren. Verdammt knapp lenke ich an dem vor mir stehenden schwarzen BMW vorbei und ignoriere die geballte Faust des Fahrers, die sich aus dem Schiebedach erhebt. Im Rückspiegel sehe ich, wie seine hellen Scheinwerfer mir einen bösen Blick zuwerfen. Sein Kühlergrill grinst diabolisch wie ein weißer Hai beim Anblick eines Surfers. Ich gebe Gas und sehe zu, dass ich Land gewinne. Zum Glück sind auf dem Parkplatz der Pizzeria um diese Zeit noch genügend Plätze übrig. Nach dem Parken stecke ich kurz den Kopf zwischen die Tür und rufe Pino zu, dass ich seinen Parkplatz mal kurz missbrauchen muss. Er wendet den Kopf ab vom heißen Pizzaofen und ruft mir zu: „Keine Probleme, aber eines Tages ich werde zu dir kommen und einen Gefallen verlange“. Die sind immer soo freundlich, die Leute aus Sizilien! Notfalls bezahle ich ihn mit frischem Knoblauch, den ich heimlich hinter einer spanischen Wand in unserem Schlafzimmer unter Natriumdampflampen züchte.

 

Ich laufe an der Hohe Straße entlang und überquere den Wall, betrete die Hansastraße, lächele und grinse abwechselnd, bei dem Gedanken daran, wie schön es wird, wenn Weihnachten endlich wieder vorbei ist. Auf Höhe des Rathauses springt plötzlich ein Polizist aus dem Gebüsch und stoppt mich mit den Worten „Halt, Personenkontrolle!“ „Hefte raus, Klassenarbeit!“ hätte bei mir den gleichen Effekt gehabt, meine Gesichtskirmes erstarrt. Das Grinsen bleibt stehen.

„Hab ich was falsch gemacht?“ „Ja- Sie lächeln und grinsen, haben Sie gute Laune?“ „Ja, hab ich.“ Er mustert mich von oben bis unten. „Haben sie Drogen genommen?“

„Wieso- ist das jetzt Pflicht?“ „Nein, aber sie scheinen gute Laune zu haben, es ist Weihnachten…“ Ich fange innerlich sofort an zu kochen. „Ich bin auf dem Weg zum Zahnarzt…“ „Sehen sie, und dabei haben Sie gute Laune? Sie müssen Drogen konsumiert haben“. Bevor er mich anweisen kann, mich mit erhobenen Armen und gespreizten Beinen an den Verteilerkasten rechts am Wegesrand zu stellen, platzt mir der Kragen. Ich brülle ihn an, was die Scheiße soll und dass mich die paranoide Antidrogenkampagne von Bundesregierung und Polizei an das Wirken der Faschisten erinnern würde. Plötzlich lässt er von mir ab mit den Worten: „Sehen Sie- geht doch- viel Spaß auf dem Weihnachtsmarkt!“

 

Schon von weitem stelle ich erschrocken fest, dass die Hansastraße völlig verstopft ist, vor mir erhebt sich die Rückseite einer mobilen Bühne, dahinter steht ein Übertragungswagen vom WDR. Das kann nix Gutes bedeuten. Ich ahne Probleme. Es sind doch nur noch 400 Meter bis zum Zahnarzt. Musikfetzen bohren sich in meine Trommelfelle. „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, schananananaaa nanaa na na naaa…“ „Das wirst du auch brauchen, wenn ich mit dir fertig bin, Freundchen!“, rufe ich in Gedanken dem Sänger zu, der noch billiger wirkt als der Wendler. Angst, Adrenalin, ich spüre wie sich mein IQ schlagartig von 142 auf 120 runterschraubt. Wie von Geisterhand beginne ich plötzlich laut zu singen. „Borussiaaaa, Borussiaaa!“ Die Menschenwand am Rande des Weihnachtmarktes öffnet sich plötzlich, wie der Fels nach dem „Sesam öffne dich“ und umschießt mich wie eine Venusfliegenfalle als einen der ihren. Vor mir erhebt sich dann auch schon bedrohlich die Tanne der Tannen. Wussten Sie eigentlich, dass dieser Baum aufgestellt wurde um auf das große Problem der Kindersterblichkeit in den 3. Weltländern aufmerksam zu machen und ins Besondere auch die Problematik der Kinderarbeit in Indien zu thematisieren? Dieser 45 Meter hohe Weihnachtsbaum ist ein Denkmal der Nächstenliebe.  Denn: Die angebrachten 10.000 Lichter symbolisieren die Menge der täglich wegen Nahrungsmangels und unzureichender medizinischer Versorgung verendeten afrikanischen Kinder und 45 Cent ist genau die Summe, die ein 8-jähriges  indisches Kind nach einer 70 Stundenwoche in einer Fußball- Fabrik durchschnittlich verdient. Doch dem ist nicht genug: Die zahlreichen Tannen, aus denen der Milleniumbaum besteht, setzen ein weiteres Zeichen: Entwarnung für den deutschen Waldbestand. Das Waldsterben ist besiegt, denn wie jeder Besucher des Dortmunder Weihnachtsmarktes mit eigenen Augen feststellen kann: Wir haben genug von dem Zeug! Bäume sind ja schließlich auch nur Menschen: Ein nachwachsender Rohstoff.

 

Ich versuch weiter geradeaus auf Kurs zu bleiben, die Hansastraße runter, doch die Reibungsenergie der glühweintrunkenen Massen treibt mich immer weiter ab, in Richtung alter Markt. Wie eine Kugel in einem Flipper kickt es mich umher, die Pelzkragen tragende nach Grog und Glühwein stinkende Menge speit mich aus, direkt in die Märchenbahn. Ich lande in einer Gondel, die aussieht wie ein kotzender Frosch. Ohne bezahlt zu haben fahre ich Runde um Runde. Ich denke an Syrien und Giftgas. Uns geht es verdammt gut, dass wir uns das hier leisten können. Hoffentlich fliegen nicht eines Tages Islamisten Modellflugzeuge in die Tanne…

 

Das GPS Bewegungsprofil meines Smartphones gibt der NSA inzwischen Rätsel auf, denn es ergibt das Muster eines kackenden Rentieres. Nach schier endlosen Umrundungen kotzt der Frosch mich zurück auf den Markt. Ich torkele, ich habe einen Drehwurm, rutsche in einer Pfütze Erbsensuppe aus. 2 DRK Sanitäter stürzen sich auf mich, einer hält mich fest. Der andere  beginnt damit, mir mit einer Verbandsschere das rechte Hosenbein bis zur Leiste aufzuschneiden. Als sie erkennen, dass ihr Patient mit dem spitzen Tannenzweig im Oberschenkel blutend 2 Meter neben mir liegt, ist es bereits zu spät für meine Hose. Ohne sich zu entschuldigen lassen sie von mir ab und wenden sich dem Verletzten zu, bis heute weiß ich nicht, wie er sich den Zweig in den Oberschenkel rammte. Mir ist immer noch schwindelig, benommen kippe ich zur Seite, mein Gesicht liegt auf dem Asphalt, versehentlich tritt mir ein kleines Mädchen mit einem Rentiergeweih aus Plastik auf dem Kopf mit ihren Moon Boots direkt in die Kauleiste. Ich springe auf und ergreife die Flucht, renne den Westenhellweg zurück zur Corsopassage, inzwischen springen die Leute zur Seite, wenn sie mich sehen. Ich sehe aus wie ein Penner, bin beschmiert mit Bratwurstsenf, meine Hose ist total kaputt, ich stinke nach Fusel den mir kurz zuvor ein angetrunkener Borussiafan über den Mantel gekippt hat. Aber ich bin pünktlich, es hat sich gelohnt, eine ganze Stunde vorher loszufahren.

 

Bis heute weiß ich nicht, ob mein Zahnarzt mir die Geschichte mit dem Höllenritt über den Weihnachtsmarkt abgenommen hat, der meinen Zustand erklärte,  aber da ich einen Termin hatte und zudem noch eine gültige Versicherungskarte aufwies, musste er mich wohl oder übel behandeln. Zum ersten Mal in meinem Leben freute ich mich darüber, in einem Zahnarztstuhl zu liegen. Nachdem er feststellte, dass meine Schneidezähne locker waren, sagte er nur

„Na, da muss aber dringend mal was gemacht werden, was?“

Ich beschloss an dieser Stelle die Zähne nicht zusammen zu beißen, um ihn nicht zu verletzen...

 

 

 

 

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